Gegenwart II

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Gegenwart II

Gegenwart II von Andor Waloran

Gegenwart II von Andor Waloran
Künstler Andor Waloran
Entstehung 2525
Werkgruppe Gegenwart
Gattung Sakrale Körperkunst / Transzendenzkunst
Technik Mischtechnik auf Verbundplatte, Öl, Ruß, Metallpigment, Blattgold
Maße ca. 290 × 205 cm
Motiv Mensch, Kelch, gebrochener Lichtkreis
Farbraum Gold, Schwarz, Weiß, Tiefblau
Standort Sammlung unbekannt
Erstpräsentation 2525, Finrod

Gegenwart II ist ein 2525 entstandenes Werk des ancalischen Künstlers Andor Waloran. Das monumentale Bild gehört zu den persönlichsten und zugleich theologisch vieldeutigsten Arbeiten seines späteren Schaffens.

Während das zwei Jahre zuvor entstandene Fleisch und Eiche von Körperlichkeit, Wachstum, Schönheit und beinahe überbordender Lebenskraft geprägt ist, zeigt Gegenwart II eine vollständig entgegengesetzte Welt.

Alles, was bei Waloran gewöhnlich glänzt, ist noch vorhanden.

Gold.

Kelch.

Licht.

Körper.

Eiche.

Sakrale Architektur.

Und dennoch scheint nichts davon den dargestellten Menschen zu erreichen.

Das Werk wird deshalb häufig als bildnerische Verdichtung von Walorans eigener Zerrissenheit zwischen euphorischem Schaffensdrang und tiefen depressiven Rückzugsphasen interpretiert.

Entstehung

Über die Entstehung von Gegenwart II ist ungewöhnlich wenig bekannt.

Waloran hatte sich im Frühjahr 2525 für mehrere Wochen vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zwei angekündigte Ausstellungstermine wurden abgesagt, Interviewanfragen nicht beantwortet und das Atelier in Finrod blieb über längere Zeit für Besucher geschlossen.

Nach Aussagen eines damaligen Mitarbeiters arbeitete Waloran in dieser Zeit nur unregelmäßig.

Manchmal habe er tagelang keine Leinwand berührt.

Dann wiederum seien innerhalb weniger Stunden ganze Partien entstanden.

Überliefert ist die Bemerkung:

„Ich habe das Bild nicht angefangen.
Es war eines Morgens einfach das Einzige,
das noch mit mir im Raum war.“

Ob Waloran diesen Satz tatsächlich äußerte oder ob er später Teil der Legendenbildung um das Werk wurde, ist ungeklärt.

Fest steht lediglich, dass Gegenwart II nach dieser Rückzugsphase beinahe vollständig fertiggestellt war.

Bildbeschreibung

Im Zentrum des Gemäldes sitzt ein junger Mann auf den Stufen eines monumentalen sakralen Raumes.

Seine Kleidung ist unverkennbar Waloran.

Schwerer tiefblauer Samt.

Goldstickerei.

Weißer Stoff.

Aporistische Zeichen.

Doch anders als in Fleisch und Eiche dient diese Pracht nicht der Erhöhung des Körpers.

Sie scheint ihn beinahe zu beschweren.

Der Mann sitzt zusammengesunken.

Sein Kopf ruht auf einer Hand.

Der Blick ist gesenkt.

Die andere Hand hält einen goldenen Kelch.

Doch auch hier wird der Kelch weder erhoben noch angeboten.

Er hängt nach unten.

Beinahe so, als wäre selbst seine symbolische Bedeutung zu schwer geworden.

Die zentrale Komposition wird durch eine nahezu senkrechte Teilung des Bildes bestimmt.

Die linke Hälfte ist von warmem goldenem Licht erfüllt.

Die rechte Hälfte liegt in Dunkelheit.

Beide Bereiche gehören jedoch eindeutig zum selben Raum.

Waloran trennt Licht und Finsternis nicht voneinander.

Er lässt sie nebeneinander bestehen.

Der gebrochene Lichtkreis

Hinter der Figur befindet sich ein großer aporistischer Lichtkreis.

Seine linke Hälfte strahlt nahezu überirdisch.

Die rechte Hälfte ist schwarz, rissig und teilweise zerbrochen.

Der Kreis bleibt dennoch geschlossen.

Dieses Detail gehört zu den bekanntesten Symbolen des Werkes.

In aporistischer Bildsprache steht der Kreis häufig für Möglichkeit, Gegenwart und die Unteilbarkeit Apors.

Waloran zerstört dieses Symbol nicht.

Er beschädigt lediglich seine Wahrnehmbarkeit.

Gerade darin liegt die theologische Radikalität des Bildes.

Apor ist nicht verschwunden.

Der Kreis existiert weiterhin.

Nur der Mensch kann ihn nicht mehr vollständig sehen.

Ein Kunstkritiker formulierte später:

„Waloran malt keine Abwesenheit Gottes.
Er malt die Unfähigkeit des Menschen,
Anwesenheit zu empfinden.“

Diese Deutung trug wesentlich dazu bei, dass Gegenwart II auch in theologischen Kreisen ungewöhnlich intensiv diskutiert wurde.

Der Kelch

Der Kelch nimmt im Bild eine paradoxe Stellung ein.

Er ist vollständig erhalten.

Er glänzt.

Er befindet sich unmittelbar in der Hand der dargestellten Figur.

Und dennoch scheint zwischen Mensch und Kelch keinerlei Beziehung zu bestehen.

Der Mann schaut ihn nicht an.

Er trinkt nicht daraus.

Er reicht ihn niemandem.

Er hält ihn lediglich fest.

In der aporistischen Kunstkritik wurde dies häufig als Darstellung einer äußerlich vollkommen erhaltenen, innerlich jedoch unerreichbaren Spiritualität verstanden.

Der Kelch ist da.

Das Symbol funktioniert.

Die Welt hat sich nicht verändert.

Nur für den Menschen besitzt sie in diesem Augenblick keinen Zugang.

Waloran selbst erklärte Jahre später:

„Manchmal steht der Kelch vor dir.
Manchmal hältst du ihn sogar in der Hand.

Und trotzdem ist er weit weg.“

Die zwei Gegenwarten

Der Titel Gegenwart II wurde lange als bloße Fortsetzung eines früheren Werkes verstanden.

Später setzte sich jedoch eine andere Interpretation durch.

Das „II“ bezeichne nicht lediglich ein zweites Bild.

Es bezeichne zwei gleichzeitig existierende Gegenwarten.

Auf der linken Seite befindet sich eine Welt, in der Licht, Schönheit und sakrale Ordnung weiterhin bestehen.

Auf der rechten Seite befindet sich dieselbe Welt, ihrer Bedeutung beraubt.

Beide sind wahr.

Beide existieren gleichzeitig.

Der Mensch sitzt genau auf ihrer Grenze.

In dieser Lesart wird Gegenwart II zu einem der persönlichsten Werke Walorans.

Nicht Licht und Dunkelheit stehen einander gegenüber.

Vielmehr zeigt das Bild die Möglichkeit, dass ein Mensch mitten im Licht sitzen kann und dennoch nur Dunkelheit wahrnimmt.

Der Körper

Auch der menschliche Körper wird deutlich anders behandelt als in Fleisch und Eiche.

Dort ist er aufgerichtet, idealisiert und demonstrativ präsent.

In Gegenwart II ist derselbe waloransche Körper noch immer schön.

Aber Schönheit besitzt keine Macht mehr.

Der Mann könnte aufstehen.

Er könnte den Kelch heben.

Er könnte sich dem Licht zuwenden.

Er tut nichts davon.

Sein Körper ist vollständig handlungsfähig.

Seine Haltung verweigert jedoch jede Handlung.

Damit entsteht ein für Waloran ungewöhnliches Bild von Passivität.

Der Künstler, der in seinen früheren Werken den Körper beinahe als Beweis für die Gegenwart Apors verwendet hatte, zeigt nun einen Körper, der selbst seine eigene Schönheit nicht mehr beantworten kann.

Ein Kritiker schrieb:

„In Fleisch und Eiche sagt der Körper: Ich bin.
In Gegenwart II fragt derselbe Körper:
Und was soll ich damit?“

Die tote Eiche

Am unteren linken Bildrand erscheint eine abgestorbene, teilweise verkohlte Eiche.

Ihre Äste reichen bis an die Figur heran.

Sie bilden damit eine deutliche Verbindung zu Fleisch und Eiche.

Doch die Bedeutung hat sich vollständig verändert.

Die Eiche steht im Aporismus für Inspiration.

In Gegenwart II trägt sie keine Blätter.

Sie wächst nicht.

Sie spendet keinen Schatten.

Sie liegt am Boden.

Zwischen den abgestorbenen Ästen befinden sich jedoch einzelne goldene Eicheln.

Dieses Detail gilt als entscheidend.

Denn Waloran verweigert selbst hier die völlige Hoffnungslosigkeit.

Die Eiche ist tot.

Die Möglichkeit nicht.

Die Eicheln könnten wachsen.

Ob sie es tun, bleibt offen.

Der Schädel

Zwischen den Wurzeln der abgestorbenen Eiche liegt ein menschlicher Schädel.

Das Motiv wurde unmittelbar nach der Präsentation des Bildes kontrovers diskutiert.

Einige Kritiker interpretierten ihn als klassischen Hinweis auf Vergänglichkeit.

Andere sahen darin einen bewussten Gegenpol zum idealisierten jungen Körper.

Waloran widersprach jedoch Deutungen, nach denen der Schädel einen Todeswunsch symbolisiere.

In einem späteren Gespräch sagte er:

„Der Schädel ist kein Wunsch.
Er ist eine Tatsache.

Das ist ein Unterschied.“

Der Schädel verweist damit weniger auf den Tod als auf die Endlichkeit.

Er erinnert daran, dass auch der schönste Körper denselben materiellen Regeln unterliegt wie die tote Eiche.

Walorans Zerrissenheit

Kaum ein Werk wurde so häufig mit Walorans eigenen depressiven Phasen in Verbindung gebracht wie Gegenwart II.

Der Künstler selbst war gegenüber solchen Interpretationen ambivalent.

Einerseits bestätigte er mehrfach, dass das Werk während einer schwierigen Lebensphase entstand.

Andererseits wehrte er sich gegen die Vorstellung, psychisches Leiden sei notwendige Voraussetzung großer Kunst.

Sein bekanntes Diktum

„Depression macht keine Kunst.
Sie verhindert sie.“

wird häufig im Zusammenhang mit Gegenwart II zitiert.

Für Waloran bestand der künstlerische Vorgang offenbar nicht darin, die depressive Erfahrung zu verherrlichen.

Vielmehr versuchte er, jenen Augenblick festzuhalten, in dem ein Mensch erkennt, dass die Welt außerhalb seiner eigenen Wahrnehmung unverändert weiterbesteht.

Gold bleibt Gold.

Licht bleibt Licht.

Der Kelch bleibt Kelch.

Nur seine Bedeutung scheint vorübergehend unzugänglich.

Gegenstück zu „Fleisch und Eiche“

Bereits kurz nach der Erstpräsentation wurde Gegenwart II als bewusste Antwort auf Fleisch und Eiche verstanden.

Fleisch und Eiche Gegenwart II
Wachstum Stillstand
aufgerichteter Körper zusammengesunkener Körper
lebende Eiche abgestorbene Eiche
Kelch als Bestätigung Kelch als unerreichbare Nähe
geschlossener Lichtkreis gebrochener Lichtkreis
Überfülle Leere innerhalb der Überfülle
Begehren Erschöpfung
Möglichkeit als Aufbruch Möglichkeit als bloßes Fortbestehen

Waloran bestätigte später ausdrücklich, dass beide Werke miteinander verbunden seien.

Auf die Frage, welches der beiden Bilder er für wahrer halte, antwortete er:

„Beide.

Das ist das Problem.“

Rezeption

Die Reaktion auf Gegenwart II unterschied sich erheblich von den üblichen Waloran-Skandalen.

Es gab kaum Forderungen nach Verboten.

Kaum Proteste.

Kaum moralische Empörung.

Stattdessen wurde das Werk ungewöhnlich still aufgenommen.

Besucher der ersten Ausstellung berichteten wiederholt davon, ungewöhnlich lange vor dem Bild gestanden zu haben.

Die Feanaro Times schrieb:

„Zum ersten Mal seit Jahren hat Andor Waloran ein Bild geschaffen, vor dem niemand sofort darüber reden möchte, wie viel Haut darauf zu sehen ist.“

Waloran bezeichnete diese Rezension später als

„beunruhigend positiv.“

Auch das Mahtanat reagierte zurückhaltend.

Ein aporistischer Theologe bezeichnete das Werk als

„eine schwierige, aber bemerkenswert präzise Darstellung jener Augenblicke, in denen Gegenwart existiert, ohne erfahren werden zu können.“

Waloran kommentierte:

„Das hätte ich gern auf die Rechnung geschrieben.“

Das verschwundene Werk

Nach mehreren Ausstellungen wurde Gegenwart II überraschend aus dem öffentlichen Kunstbetrieb zurückgezogen.

Der heutige Besitzer ist unbekannt.

Nach Angaben einer Finroder Galerie wurde das Werk 2526 von einem privaten Käufer erworben.

Der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht.

Auffällig ist, dass der Erwerb in eine Zeit fiel, in der Waloran erneut erhebliche finanzielle Schwierigkeiten hatte.

Dies führte zu Spekulationen, dass der Kauf mit jenem unbekannten Gönner zusammenhängen könnte, der den Künstler wiederholt aus finanziellen und juristischen Krisen gerettet haben soll.

Waloran bestritt eine Verbindung nicht.

Er bestätigte sie allerdings auch nicht.

Auf die Frage nach dem heutigen Standort von Gegenwart II sagte er:

„Es hängt irgendwo.

Das genügt Bildern meistens.“

Einordnung

Einschätzung

Gegenwart II gilt als eines der Schlüsselwerke Andor Walorans.

Während viele seiner Arbeiten den Betrachter durch Schönheit, Körperlichkeit und religiöse Provokation überwältigen, verweigert dieses Bild den üblichen waloranschen Triumph.

Alles ist vorhanden.

Aber nichts genügt.

Der Mensch sitzt zwischen Licht und Dunkelheit, ohne einer Seite vollständig anzugehören.

Der Kelch ist erreichbar und unerreichbar zugleich.

Die Eiche ist tot und trägt dennoch Möglichkeit.

Der Lichtkreis ist gebrochen und bleibt dennoch ein Kreis.

Damit formuliert Waloran möglicherweise seinen persönlichsten Gedanken über Apor:

Gegenwart muss nicht empfunden werden, um vorhanden zu sein.

Und vielleicht liegt gerade darin die düstere Hoffnung des Bildes.

Der Mann muss das Licht nicht erschaffen.

Er muss nicht einmal daran glauben, dass es existiert.

Es ist bereits da.

Zitate zum Werk

„Manchmal steht der Kelch vor dir.
Manchmal hältst du ihn sogar in der Hand.
Und trotzdem ist er weit weg.“
— Andor Waloran

„Die Eiche ist tot.
Die Eichel hat davon noch nichts erfahren.“
— zugeschrieben Andor Waloran

„Beide.
Das ist das Problem.“
— Waloran auf die Frage, ob Fleisch und Eiche oder Gegenwart II die wahrere Darstellung des Menschen sei

Siehe auch